Mittwoch, 20. Februar 2008

Gedankenstoff - Erinnerungsstoff - Gesprächsstoff




Beim Sortieren meiner Stoffvorräte sind mir viele Gedanken und Erinnerungen über Stoff gekommen. 

Ich kann an viele Stoffe in meiner Kindheit erinnern. Ich weiß noch ganz genau, wie Waffelpique oder Enstex (60er-Jahre-Synthetics) oder eine stachelige Tweedhose sich angefühlt haben. Oder wie ich mit meiner Oma in Stoffläden unterwegs war. Einmal bin ich bei einem Reste-Verkauf kopfüber in eine riesige Kiste mit schwarzen Samtbändern gefallen (etwa wie Obelix in Zaubertrunk). Oder wie ich im Gewühle die Oma verloren habe und einer andere Frau aus Versehen an dem Rock aus rauhem Crimplene gezogen habe. Diese beiden Geschäfte existieren nicht mehr.

Meine Oma, meine Mutter und meine Tante haben alle genäht. Ich durfte mit 8 Jahren selbst an die Nähmaschine und habe die erste eigene mit 14 bekommen. An die ersten Jahren Handarbeitsunterricht in der Schule erinnere ich mich nicht so gern. Ich konnte der strengen Lehrerin nichts recht machen und hatte kein Spaß dran. Zum Glück habe ich dann eine neue Lehrerin bekommen, die  die Kreativität der Kinder gefördert hat. Wir durften die Stoffe 
selbst aussuchen, und ich konnte plötzlich alles, egal ob Ärmel setzen oder Norwegermuster stricken. Ich habe mir damals viel Kleidung genäht, Röcke, Blusen, Jacken, Hosen…

Oft bin ich in ein bestimmtes Stoffgeschäft in meiner Heimatstadt gegangen. Es war der Resteverkauf einer Kleidungsfabrik. Dort bedienten zwei Verkäuferinnen. Man musste sich so anstellen, dass man bei der blonden Verkäuferin drankam, sie hat immer viel mehr Stoff abgemessen als man verlangt hat. Das Geschäft hat geschlossen als das Gebäude vor ca. 20 Jahren abgerissen wurde. In dem Neubau gibt es keinen Stoffladen, dafür einen Hamburger-Restaurant.

Als junge Frau bin ich oft in Stoffläden gegangen und mir einfach Stoffe angesehen, ohne etwas zu kaufen. Die Stoffabteilung von dem größten Warenhaus Finnlands, Stockmann, war damals als ich noch in Helsinki lebte, riesengroß. Ich verbrachte oft Stunden dort. Oder als ich noch vor dem Fall der Mauer in West-Berlin zum ersten Mal die Stoffe bei KaDeWe bewundern konnte… Ich habe mir alles genau angeschaut, ob Restekisten-Angebote oder luxuriöse Seide. 

Der Region Ostthüringen, wo ich seit 20 Jahren lebe, war einst eine Hochburg der Textilindustrie. Davon merkt man leider wenig, wenn man hier heute nach einem guten Stoffgeschäft sucht. Zum Glück habe ich meine Vorräte, ich „sammele“ Stoff seit über 30 Jahren. Manche Stoffe sind mit Erinnerungen verbunden, besonders die, die ich von meiner Oma oder Tante bekommen habe. Ich weiß tatsächlich (fast) von jedem Schnipsel, wo er herstammt. Ich versuche, der Versuchung zu widerstehen, und keinen neuen Stoff zu kaufen. Ich färbe ja selbst, da kann ich mir fast jeden Stoff farblich passend gestalten. Aber manchmal lacht ein Stoff mich so an, dass ich ihn mitnehmen muss.

Ich habe versucht, meine Stoffberge abzubauen und fast alle Kleidungsstoffe verschenkt. Aber irgendwie wird es nicht weniger. Seitdem ich ATC und andere kleinere Werke produziere, ist der Verbrauch noch drastisch gesunken.

Stoff gibt mir meistens die Inspiration, ich schau mir einen Stoff an und sehe sofort, was ich daraus machen könnte. Selten - oder fast nie - arbeite ich andersherum und suche Stoff für ein bestimmtes Projekt. Trotzdem, wenn ich in eine neue Stadt reise, versuche ich mich vorher zu informieren, wo es dort Stoffgeschäfte gibt. Man weiss ja nie.

Zum Schluss ein paar Fragen: Hast du dich mal gefragt:

- Wenn du ein Stoff wärst, welcher?
    (Ich selbst: petrolgrün gefärbter Leinen, manchmal wäre ich aber gern lila Samt ;-))
- Welche Stoffarten würdest du mit geschlossenen Augen erkennen?
- Welchen Stoff kannst du überhaupt nicht leiden?




Kommentare:

Peggy hat gesagt…

Das ist eine sehr sehr schöne Geschichte und ich finde es toll, dass du dir deine Erinnerungen wie einen Schatz bewahrst. Ich kann es sehr gut nachfühlen. Habe ziemlich am Anfang meines Blogs eine ähnliche Geschichte über Nähseide geschrieben.
Ich wäre gern ein robuster Leinen in Braun. Frag mich nicht warum. Gar nicht leiden mag ich Stoffe mit Lurexfaden, die kratzen so. Und ich denke, ich könnte einige Stoffarten mit verbundenen Augen ertasten.
Danke für deine tolle Geschichte.

Elke hat gesagt…

Hallo Helena,
du weißt ja, ich wäre gerne Leinen, naturbelassen. Und Samt würde ich mit geschlossenen Augen erkennen. als Kind hatte ich ein Kleid aus furchbar kratzigem Waffelpikee - das gab vor jedem Sonntagsausflug Tränen.

LG

Elke

Waltraud hat gesagt…

Schöne Gedanken, regen zum Nachdenken an!

angela hat gesagt…

Dein Beitrag hat mich auch Nachdenken llassen und ich Glaube ich werde in kürze auch mal eine Erinnerung in meinem Blog schreiben. Toll solche Kindheitserinnerungen prägen einen doch ein ganzes Leben lang. Liebe Grüsse Angela

Simone hat gesagt…

Liebe Helena,
schön, deine Gedanken über Stoffe. Ich kann auch nichts dafür, ich liebe Stoffe. Ich mache zwar Patchwork, aber es fällt mir bei wertvollen Stoffen schwer, sie zu zerschneiden. Nicht das sie tatsächlich wertvoll sind, nein, für mich sind sie wertvoll. Zu deiner Frage, ich wäre gerne ein Toile de Jouy Stoff in natur-rot, mittlerer Qualität, nicht so schwer. Zum Fühlen finde ich Seide toll, so weich und anschmiegsam.
Ich denke, ich kann einige erfühlen, ich mag kein Synthetik.
Ich verlinke dich mal, ich hoffe es ist o.k. für dich.
Liebe Grüße
Simone

Barbara B. hat gesagt…

Deine Gedanken über Stoffe haben gleich auch bei mir Erinnerungen geweckt. Mein erster, bewußter Quilt war ein Crazyquilt, den ich wirklich aus allen gesammelten alten Stöffchen genäht habe, mit all den vielen Erinnerungen und Anfängerfehlern. Aber ich liebe die Decke heute noch sehr!!!
Wenn ich mir einen Stoff denke, so einen ganz zarten Seidenchiffon, den man kaum spürt und der sich so leicht im Winde bewegt. Farbe? Nur kein Pink oder Lila!!!

Ankes Garten hat gesagt…

Liebe Helena,
Deine Geschichte ist so schön, da gehen die Gedanken spazieren. Da ich mich noch nicht festlegen kann, welcher Stoff ich gerne wäre, möchte ich die Antworten gern vertagen. Ich schreib dann was in meinen Blog.
Ein schönes Wochenende
viele liebe Grüße
Anke

Mari hat gesagt…

Oi, minullakin on varastossa kankaita... ja suuresta osasta muistan milloin ne on hankittu jne. Yritän kovasti olla hamsteroimatta, mutta huonoin tuloksin!

mariebars "art" hat gesagt…

Hallo Helene eben bin ich auf deinen Blog gestossen und habe deine Gedankenstoff gelesen und ich könnte vieles selbst geschrieben haben ,schön ,sehr schön .Mir gefällt dein Blog sehr gut und ich möchte dich gleich bei mir verlinken ,Lieben gruss Marita

Sabine K. hat gesagt…

Liebe Helena,
vielen Dank für Deine lange Abhandlung über Stoffe, Geschichten, Gedanken, Erinerungen.
Das regt zum Nachdenken über die eigene "Nähgeschichte" nach. Manchmal finde ich kleine Stoffstückchen aus meiner Jugend, wie ich immer sage, als ich selbst versucht habe, mir etwas zu Nähen. Ohne wesentliche Hilfe. Und eigentlich kannte ich mich mit Stoffen auch gar nicht aus ....
Selbst meine Patchworkvorstellungen waren sehr diffus, als ich damit anfing ...
Danke nochmals, Du hast sicherlich viele Leser zum Nachdenken angeregt.
Was ich für ein Stöffchen wäre???
Das weiß ich heute noch nicht ...
Liebe Grüße
Sabine

Patchworkheike hat gesagt…

Du schreibst mit so viel Liebe von Deinen Erinnerungen, man kann dir richtig gut folgen.