Montag, 8. Dezember 2014

Die Gedanken sind (noch) frei

Bisher habe ich mich nicht für eine politische Bloggerin gehalten. Aber jetzt muss ich meinem Herzen Luft machen. Eigentlich müßte ich diesen Beitrag in meiner Muttersprache fassen, solange es noch erlaubt ist. An dieser Stelle würde es aber wenig bringen, also weiter auf Deutsch.

Habt auch ihr von dem CSU-Vorsachlag gehört, dass Ausländer in Deutschland sowohl in der Öffentlichkeit als zu Hause deutsch sprechen sollten? Ich verstehe diesen Schwachsinn nicht. 

Ich lebe seit 26 Jahren in Deutschland und war schon immer der Meinung, eine Sprache ist ein Schlüssel in die Kultur und in die Gesellschaft. Jeder, der in ein fremdes Land kommt, soll meiner Meinung vorab oder möglichst bald nach seiner Ankunft sich mit der Landessprache vertraut machen. Alle Kinder sollen bei der Einschulung die Landessprache so gut beherrschen, dass sie vom Anfang an dem Unterricht folgen können. Aber was soll durch ein Muttersprach-Verbot erreicht werden? Wer soll die Einhaltung kontrollieren, etwa die GfdS? Oder ist das Arbeitsplatsbeschaffung, eine neue deutsche Sprachpolizei? Nach dem Motto (auf Sächsisch) "Frau Geitel, ihre Nachbarn haben Sie letzte Woche zweimal finnisch sprechen hören, und einmal etwas Anderes, was sie aber nicht genau definieren konnten, kann Englisch gewesen sein. So geht das nun wirklich nicht weiter."


Sind die Erfinder dieser Idee neidisch auf uns Ausländern? Wir besitzen quasi eine Sprache mehr als der Durchschnittsbürger. Ein Akzent ist nun mal ein Zeichen, dass man mindestens noch eine Sprache perfekt spricht. Das kann schon zu heftigen Gegenreaktionen führen. Übrigens, ich hatte mich vor Jahren mal zu einem VHS-Lehrgang angemeldet, "akzentfreies Deutsch" sollte er heissen. Der Kurs fand nie statt, neben mir hatten nur 2 Russen Interesse bekundet. Eigentlich kein Wunder, in dem Programmheft stand "akzentfreies Dutsch" - wozu braucht man schon akzentfreies Dutsch in Deutschland?

Warum nur deutsch, wenn multilingual möglich ist? Ich weiß, dass die Deutschen immer viel Angst haben, wenn man eine fremde Sprache in der Öffentlichkeit spricht, man könnte gerade etwas Böses über sie sagen. Das alte deutsche Sprichwort "Was ich denk und tu, Trau ich andern zu" beschreibt das Phenomen sehr treffend.

Wenn ich persönlich etwas bereue, ist es dass ich mit meinem Kind nicht konsequenter Finnisch gesprochen habe. Da es mir oft bequemer war, mit ihr deutsch zu sprechen, kann meine Tochter perfekt deutsch aber Finnisch nur für den Hausgebrauch. Und dafür schäme ich mich. Es lag in meiner Hand und ich habe die Chance nur oberflächlich genutzt, mein Kind wirklich zweisprachig zu erziehen. Das kann ich nicht mehr wiedergutmachen.


Jedem, der diesen Muttersprachverbot gut findet, wünsche ich einen längeren Auslandsaufenthalt. Es reicht ja schon innerhalb der EU - neben Finnland bieten sich z.B. Ungarn und Tschechische Republik geradezu an - und die Einhaltung dieser Regel, nur andersherum. Wie fänden Sie es, wenn sie dann nicht mal zu zu Hause deutsch sprechen und dieses Kapital ihren Kindern nicht weitergeben dürften?

Zum Glück ist der Vorschlag so absurd, dass er sicher nicht durchkommt. Aber man weiß ja nie. Ich hoffe weiter auf eine Bunte Republik Deutschland.

PS Ich bin jetzt noch zu aufgeregt für eine Rechtschreibprüfung, verzeiht mir bitte.

Nachtrag 8.12.2014: Gerade eben höre ich in den Nachrichten, dass der absurde Vorschlag von der CSU vom Tisch ist. Geht doch. Und wie wäre es, liebe Politiker, die wirklichen Probleme anzupacken? 

Kommentare:

Elke hat gesagt…

In vielen Punkten hast Du recht. Schade, dass Du die Deutschen alle in einen Topf wirfst.

Helena hat gesagt…

Liebe Elke,

ich fühlte mich ja auch durch den CSU-Vorschlag irgendwie in einen Topf geworfen, wobei mir schon klar ist, dass die Meinung der CSU nicht gleich die Meinung
aller Deutschen ist.

Es wird nicht so heiß gegessen wie gekocht - Übertreibung macht manchmal anschaulich, so als stilistisches Element.

LG Helena

katrin hat gesagt…

Liebe Helena, ich war ebenso entsetzt über diesen Vorschlag...diese Idee überhaupt!
Ich habe so viele Kontakte mit Ausländern...ich weiß wie schwer es ist, sich in einer fremden Sprache auszudrücken ...
LG Katrin

Martina und Klaus hat gesagt…

"Ein Akzent ist nun mal ein Zeichen, dass man mindestens noch eine Sprache perfekt spricht."

Liebe Helena !
Eine ganz tolle Definition, vielen Dank für Deine deutlichen Worte ! Wir sind genau Deiner Meinung, die Politiker die solche Dinge in Umlauf bringen, sollten sich mal auf ihren Geisteszustand untersuchen lassen. Wie kann man als politisch denkender Mensch sich solch einen Quatsch ausdenken. Das sind die neuen Brandstifter...da muß man sich über die zig-tausend Demonstranten bei der PAGIDA-Demo in Dresden nicht wundern...
Hoffentlich gibt es genügend mutige Mitmenschen, die ganz beherzt für die multikulturelle Gesellschaft eintreten !!!
Danke und liebe Grüße
Klaus und Martina
P.S. auch für uns ist das die erste politische Äußerung in einem Blog. Aber es ist an der Zeit !!