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Dienstag, 13. Oktober 2015

On the Go



Ich wußte gar nicht, dass so ein Häkeltäschchen, wie meine Oma es in verschiedenen Ausführungen hatte, jetzt Crochet on the go-bag heißt. 
Meine Oma Ester, portraitiert 1977 von Anja Nyman, leider ohne Täschchen

Meine eigene Tasche habe ich frei nach Erinnerung an Omas Täschchen genäht, die moderne Version der Tasche in der o.g.  Anleitung hat noch eine große Außentasche. Der Oma war, und auch mir ist wichtig, dass das Garn gut aus der Tasche gleiten kann. Deshalb ist die Innenseite synthetisch, z.B. aus Futterseide. Diese Tasche kann man praktischerweise über die Armlehne oder um den Unterarm hängen und damit von Raum zu Raum mit dem Strick-/Häkelzeug wandern. Ich selbst neige trotzdem noch dazu, angefangene Socken in allen Zimmern zu deponieren, damit ich überall stricken kann.
Schon länger wollte ich über ein wunderbares Buch über ostfinnische Stricktradition berichten. Kam aber nicht dazu, bis der Begriff "on the go " mich wieder daran erinnerte. 
 
In dem Buch Sukupolvien silmukat ( "Maschen der Generationen" ) von Pia Ketola, Eija Bukowski, Leena Kokko, Anne Bäcklund und Sari Suuronen, Verlag Maahenki 2014, geht es um Fäustlinge, Handschuhe und Strümpfe, deren Ursprung in dem Krieg verlorenen Karelien liegt. Die Modelle sind nach Museumsfunden nachgearbeitet und die Anleitungen auf moderne Garne umgeschrieben. Sie stammen aus der Zeit von ca. 1700-1940. 
Die Blauen sind aus Kivennapa, Geburtsort meiner Mutter

Aber warum die Überschrift "on the go"? In dem Buch hat mir die Information sehr angetan, dass früher eine gute Hausfrau beim Laufen stricken können sollte. Praktisch also auf dem Weg zum Melken, auf der Weide, in der Zeit als der Bauer seine Sense geschärft hat und so weiter. Jede freie Minute wurde so zur Strickzeit. Schon 10jährige Kinder konnten komplizierte Muster stricken. Einerseits war es ein Zusatzeinkommen, die Strümpfe und Fäustlinge wurden auf dem Markt verkauft, anderseits gab es viele Traditionen um die Eheschliessung und Aussteuer.

Meine Familie stammt aus Karelien, vielleicht steckt das allgegenwärtige Stricken einfach in unseren Genen? Ich werde mir ein Paar Handschuhe aus dem Buch stricken, die Tradition verpflichtet. On the go.

Montag, 29. August 2011

In Memoriam

Ester 1916-2011

Meine Oma ist gestern Nacht gestorben. Ich konnte Anfang des Monats noch von ihr Abschied nehmen. Es ging ihr nicht mehr gut, sie dachte schon lange, der Gott hätte sie auf der Erde vergessen. Jetzt kam die Erlösung.

Meine Oma bedeutet mir sehr viel. Sie hatte 2 Weltkriege überlebt, im Zweiten alles verloren aber immer ihren karelichsen Humor und Optimismus behalten. Sie war ein großartiger Mensch und hatte immer eine Handarbeit dabei. Früher sicher aus der Not, später aus Spaß. Sie hat gehäkelt, genäht, gestrickt und gestickt.

Ich denke, gestern Abend war sie noch kurz bei mir. Mir ging es plötzlich ganz elend, wie aus heiterem Himmel. Ich hatte mich erst hingelegt, später saß ich dann strickend im Sessel und habe mein Spiegelbild an dem großen Fenster gesehen. Das Spiegelbild schaute mich aus dem Dunklen an und es sah aus wie meine Oma mit Strickzeug. Ich glaube, sie wollte mir noch Tschüß sagen.

Ich vermisse sie so sehr.