Gestern hatte ich überraschend ein paar Stunden Freizeit in der Nähe eines großen renommierten Stoffgeschäftes in Leipzig. Ich wollte schon immer den Laden aufsuchen. Aus dem Internet wusste ich, dass montags geschlossen ist, dachte aber, ich schaue trotzdem vorbei –vielleicht ist doch jemand da. Die netten Verkäuferinnen haben Ware eingeräumt und mich rein gelassen.
Zuerst war ich überwältigt. Die Räume waren hell, übersichtlich, ordentlich, überall hochwertige, moderne Stoffe vom Feinsten. Zubehör, Bändchen, alles was das Nähherz begehrt. Also wunderschön.
Aber dann habe ich ein ganz komisches Gefühl gehabt. Ich stand vor den Traumstoffen und konnte nichts kaufen. Eine totale Reizüberflutung – eine Art Intershop-Koller (die betroffenen wissen, was ich meine ;-) ). Es gab nur schöne Stoffe mit den neuesten Motiven. Es war einfach alles zu schön um wahr zu sein. Keinen Wühltisch oder keine Restekiste, wo man hätte etwas für sich entdecken können. Man hätte egal welchen Ballen nehmen können und etwas Schönes draus machen. Es wäre immer perfekt. Mit einer Anleitung könnte das jeder. Wo bleibt dann der kreative Eigenanteil?
Ich habe festgestellt, für mich ist Kunst, etwas Schönes aus nichts oder wenig zu machen. Wahrscheinlich hat mich die DDR deshalb so fasziniert, als ich Ende 80’er nach Osten Deutschlands für immer kam. Ich meine nicht, dass ich den Staat wirklich vermisse, aber die Glücksgefühle, die man nicht mehr hat, weil es heute einfach alles (zu kaufen) gibt.
Mich hat der schöne Laden also total entfremdet. Ich habe nur ein Dirndl-Schnittheft gekauft und bin mit gemischten Gefühlen raus gegangen. Umso glücklicher war ich heute beim Second Hand mit meinen Entdeckungen: 1 Dirndl zum recyclen, 3 unbenutzte Leinenhandtücher, davon 2 mit handgestickten Aussteuer-Monogrammen, 1 weißer Jacquard-Bettbezug zum Färben, 1 nie benutzter Retro-Kissenbezug - alles zusammen für 15 Euro. Ich bin und bleibe der Wühltyp, ich will meine Schätze entdecken.
Eines möchte ich noch zum Schluss klarstellen, ich habe nichts gegen den schönen Stoffladen – ich habe nur gemerkt, ich bin die falsche Zielgruppe. Das Problem liegt ganz allein auf meiner Seite. Aber sollte ich irgendwann etwas an Quiltzubehör brauchen, werde ich den Laden bestimmt wieder aufsuchen.
In meinem eigenen Fundus habe ich heute einen blass-rötlich gefärbten Stoff als Rückseite für den neuen Quilt gefunden, der cm-genau die richtige Größe hat. Ich werde das lange gehütete Baumwollvlies doch nicht nehmen, sondern Reste verarbeiten, sie reichen gerade für meinen Quilt, das Baumwollvlies müsste ich kleiner schneiden und hätte davon dann wieder einen kleinen Rest übrig.